Nicht alles Gold, was glänzt.
• WIRsein • An dieser Stelle dann doch mal eine Medienkritik. Lieber Schweizer Presse, du nervst! Ich bin nicht mehr sicher, in welcher Zeitung wir noch nicht erwähnt wurden. Obwohl „wir“ hier nur zur Hälfte zutrifft. Aber fangen wir mal vorne an. Seit ich hier eingezogen bin, war – so kommt es mir jedenfalls vor – jede Woche ein anderes Presseteam da. Wir waren schon in der NZZ (bevor wir überhaupt eingezogen sind), im Tagesanzeiger, in etlichen Studierendenzeitungen und heute sogar im Schweizer Fernsehen.
Bisher war ich mir nicht im klaren darüber, dass ich offensichtlich mit meinem Mietvertrag auch die Einschränkung meiner Persönlichkeitsrechte unterschrieben habe – aber ich bin ja ohnehin bloß ein weniger interessanter Exot hier. Denn in den Artikeln und Ausschnitten kommen ausnahmslos die „Fremden“ vor. Mit Vorliebe werden Inder und Chinesinnen interviewt, was sie kochen, dann werden Fotos mit möglichst nicht europäisch-Aussehenden gemacht und einmal in den Topf geblendet.
Immer wieder wird erwähnt, dass hier 169 Studenten aus 36 Ländern an 24 Herdplatten kochen. Immer wieder ist auch Kritik an der Küche zu hören, die, das kann ich hier ruhig noch einmal wiederholen, einfach zu klein ist für besagte 169 Leute. So klein, dass einige es aufgegeben haben, zu kochen. Wie sie das finanzieren, ist mir ein Rätsel. Kein Rätsel hingegen ist, warum die Putzfrauen immer dann besonders akribisch (und besonders terminnah – böse Zungen behaupten überhaupt) putzen, wenn mal wieder irgendein Wurstblättchen sein Erscheinen angekündigt hat. Die Küche bleibt Streitfall Nummer 1, denn hier zeigt sich die Fehlkonstruktion am schnellsten. Nur selten findet sich in der Prime Time (19 bis 21 Uhr) ein sauberes Geschirrhandtuch – geschweige denn überhaupt Utensilien. Gläser sind nach sechs Wochen längst nicht mehr für alle da.
Dafür hängen aber an jeder Ecke nicht ganz so freundliche Hinweise, wie man sich zu verhalten hat. Die Küche ist übersäht mit „Kitchen Rules“, an den Abstellkammern steht, dass hier nun kein Müll mehr entsorgt werden darf, weil die Internationals mehr als vier Wochen gebraucht haben, um das Schweizer Recyclingsystem zu durchschauen. In den Duschen steht das Wasser, in der Küche das dreckige Geschirr. Aber man kann natürlich auch erstmal eine Mieterhöhung androhen, wenn wegen der Zustände in der Küche eine zusätzliche Putzfrau eingestellt werden muss.
Es ist nicht alles Gold, was glänzt.
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Tags: exotisch, fremd, Küche, Kritik, Medien, putzen, Schweiz, Uni, Wohnheim


Name: Hendrikje Grunow


Ganz ehrlich: Bin schon ein bisschen schockiert. Von der Medienberichterstattung. Dass es scheinbar überhaupt eine Nachricht ist, dass ein Wohnheim aufmacht, mag daran liegen, dass in der Schweiz die Uhren anders ticken. Aber hätte man sich dann nicht die Mühe machen können, dass wenigstens halbwegs interessant oder informativ oder wenigstens ohne Stereotype aufzuziehen?
Zum Wohnheim. Ok, die Küche ist zu klein und sie ist nicht immer sauber. Aber hey, sie ist in einem benutzbaren Zustand! Da hat sie geschätzten 2/3 aller Wohnheimküchen einiges voraus.
An die Kitchenrules musste ich denken als ich das gelesen habe bzw. habe es überhaupt gelesen: http://www.zeit.de/2009/45/CH-Fakten-Hintergruende?page=all Ist das denn so?
Danke für den Link, interessanter Artikel. Dazu sagen kann ich soviel: Es ist in gewisser Weise nicht weniger problematisch, wenn deutsche Medien über die Schweiz schreiben, und wird von vielen Schweizern auch so gelesen, wie von einem Fremden eben. Die gewisse Anmaßung abgezogen, ist es aber das, was mir durch den Kopf geht, und durchaus nicht auf den Wohnraum beschränkt. Dazu übrigens morgen mehr.
Den Abwasch ueberehme ich wieder sobald wir zurueck in Berlin sind. Ohne zu murren, versprochen! Zum Blog-Eintrag: wir waere es, wenn Du ueberall viele kleine Zettel fuer die Reinigungskraefte anbringst? Mit Putzplan: genaue Zeiten, Aufgabenbeschreibung, Unterschrift, usw. Und ausserdem koenntest Du versuchen die anderen BewohnerInnen vor Ort dafuer zu gewinnen, zukuenftig keine Interviews mehr zu geben… Hmm, doof: dann wird wohl garnicht mehr sauber gemacht…
Ich habe da auch noch einen Putzplan zu empfehlen.
http://www.crimethinc.com/tools/downloads/pdfs/wash_your_own.pdf
Hab ich heute aufgehangen