Panem et Circensis
• WIRsein • Fußball.
Gleich vorne weg: Ich mag Fußball. Seit spätestens 2002 habe ich alle EM- und WM-Spiele verfolgt. Ich weiß, was Abseits ist und ich kann ein Foul von einer Schwalbe unterscheiden. Mein persönlicher Alltime-Favorit ist und bleibt Portugal, auch ohne Luis Figo und trotz Christiano Ronaldo. Über den mag ich hier nicht diskutieren.
Jetzt sind die Portugiesen raus, nach einem spannenden und für die meisten unerwarteten 3 zu 2 Sieg der deutschen Nationalmannschaft. Das ist natürlich ein bisschen Schade. Und es ist ein Grund, warum ich nach dem Spiel nicht ganz so guter Laune war. Aber, das möchte ich betonen, es ist ein eher untergeordneter Grund, denn: Es ist ja eben bloß ein Spiel. Auch auf eventuelle Zusammenhänge von Börsenkurs und Spielgewinn möchte ich hier nicht näher eingehen.
Es ist eher ein grundsätzliches Dilema, was mich dazu treibt, in den folgenden Spielen gegen die Deutschen zu sein. Man kann sich durchaus über einen Sieg freuen. Man kann dann hupend und grölend durch die Straßen ziehen, man kann Fahnen schwenken und man kann ein bisschen stolz sein. Auf die Mannschaft, das ist wichtig.
Leider aber ist so ein gewonnenes Spiel immer wieder Anlass für einige, mal wieder stolz zu sein, ein Deutscher zu sein. Und dann ist so ein gewonnenes Spiel auf einmal eine prima Plattform für nicht wirklich demokratisches Gedankengut. Da hört der Spaß ganz klar auf.
Die letzte WM habe ich des Geldes wegen hinter einer Supermarktkasse verbracht. Nach dem Spiel Deutschland-Argentinien wurde es voll und vor allem laut. Durchaus auch viele nette Menschen, aber eben auch solche, die meinen, ihre mit 88 tätowierten Waden jetzt wieder einmal unverhüllt zu zeigen. Mir gegenüber trug jemand ein T-Shirt mit der Aufschrift: „Afrika braucht deutsche Kolonien.“ Und auch heute abend blitzten unter dem ein oder anderen weißen Trikot altdeutsche Schriftzüge.
„Du kannst doch nicht alle bestrafen, weil eine handvoll Deppen das ausnutzt.“ mag ein Einwand sein. Stimmt. Bestrafen kann ich sowieso niemanden. Aber ich kann darauf aufmerksam machen, dass es Unterschiede gibt zwischen Stolz auf die Mannschaft und Stolz auf das Deutschtum. Und darum hoffe ich, dass Deutschland bald raus ist, aus der EM. Das bedeutet erst mal nur eine Plattform weniger. Aber immerhin.
Filed under: freithema | 8 Comments
Tags: Deutschland, EM, Fußball, Nazi, Portugal, Sport


Name: Hendrikje Grunow


Vor dem Spiel Türkei-Schweiz sah ich auf dem weg vom S-Bahnhof Wedding zu meiner Wohnung ein Paar türkische Jungs die ne Schweizer Flagge angezündet haben. Nach dem Spiel Deutschland-Polen zogen Polen umher um Deutsche zu verhauen. Und klar, nach dem Spiel Deutschland Kroatien mussten ein Paar deutsche Fans ihre Wut an den Autos der kroatischen Fans auslassen. Ich vermute, es gibt garkeine Länder in denen es solche Leute nicht gibt. Gegen die hilft auch kein Ausscheiden aus der EM.
Daher hoffe ich, dass Deutschland noch ganz lange drinbleibt, Nazideppen hin oder her.
Das trifft meiner Meinung nach nicht ganz den Kern der Sache. Ich meine nicht Hooligans. Ich meine solche Menschen, die nach einem Spiel der Nationalmannschaft den Nationalstolz offen zur schau tragen, weil sie meinen, hier eine Rechtfertigung für ihre Äußerungen gefunden zu haben.
Und ich meine, dass hier ein schleichender Prozess der Annerkennung stattfindet, dass sowas eben niemand mehr so richtig schlimm findet, ist ja schließlich EM, WM etc. Und das halte ich für gefährlich.
Natürlich sind Hooligans nicht zu vernachlässigen, aber in diesem speziellen Fall nicht Ziel und Grund meiner Äußerungen.
Ich behaupte, dass es zwischen den beiden Gruppen Hooligans und Nationalistenpack garkeine trennschärfe gibt. Und ich behaupte weiterhin, dass es jenes Phänomen das du beschreibst in andern ländern auch gibt. Die fordern dann sicher keine deutschen Kolonien, fühlen sich aber genauso in ihren unfläthigen Überzeugungen bestärkt wenn Mannschaft xy gewinnt. Der Unterschied den ich sehe ist jener, dass sich die deutschen Dummbatzen auf ein reichhaltigeres und beschämenderes Fundament nationalpatriotischer Folklore berufen können.
Ein Link zum Thema: http://fans-gegen-deutschland.de/?p=41
Überdies möchte ich anmerken, dass panem et circensis „Brot und Spiele“ bedeutet. Das gab’s schon bei den alten Römern und diente als Technik, dass Volk mittels Nahrung und Unterhaltung im Zaum zu halten, bzw. von wichtigen politischen Vorgängen abzulenken. Nur, falls sich der ein oder andere gefragt hat…
Ich finde es erschreckend, wenn Leute solche Ereignisse wie EM oder WM dazu nutzen ihre Ausländerfeindlichkeit kund zu tun. Ich habe auch imemr das Gefühl, dass die da bestimmte Dnge verwechseln. Nationalstolz und Stolz auf Deutschtum, wie du es schon ausgedrückt hast. Hast du schon mal Jemanden gesehen, der dagegen aufbegehrt hat?
)
Mir scheint es so, dass das oft geduldet wird. man guckt lieber weg. Ist ja nicht sooo schlimm. Allerdings denke ich, dass es das leider fast überall gibt und ich denke nicht. dass das Ausscheiden der deutschen Mannschaft viel ändern würde.Das Problem liegt doch viel tiefer und ist eher gesellschaftlich begründet. Leider habe ich das Gefühl, viele haben aus der geschichte nicht viel gelernt. Das ist mir persönlich ein Graus und unbegreiflich. Wir leben hier in Europa und durch die ganzen Völkerwanderungen ist hier sowieso alles vermischt. Die Arroganz des weißen Mannes (“Afrika braucht deutsche Kolonien“ ) ist seit Jahrhunderten bekannt,weil wir usnere maßstäbe auf andere Kulturen ansetzen und das funktioniert nie. So, ich schweife ab, aber ich hoffe, du weißt,was ich sagen will.
Es ist ja nun kein Geheimnis das der Patriotismus bei mir ein wenig ausgeprägter ist als bei dir.
Insofern stimme ich dir was das Ausscheiden unserer Mannschaft angeht selbstverständlich nicht zu. Und die Portugiesen waren mir mit oder ohne Figo und Ronaldo noch nie besonders sympatisch. Aber was die Nazi-Spacken angeht bin ich selbstverständlich deiner Meinung. Umso wichtiger finde ich es, auch beim Feiern den Nazis nicht das Feld zu überlassen.
Denn auch Anerkennung für die Leistung des Gegners und ein aufmunterndes Schulterklopfen nach dem Spiel gehört irgendwie dazu. Und das kann ein Demokrat dann doch ehrlicher rüberbringen als so ein Aushilfshitler.
Und nur so nebenbei: Wer nach dem Türkei-Spiel in Berlin mal aufmerksam zugeschaut hat wird festgestellt haben, dass einige Nazis von der Polizei klammheimlich aussortiert wurden. Zumindest hab ich ein freundliches aber bestimmtes „Sie kommen mal bitte mit!“ vernommen, und gesehen, wie ein Nazi weniger auf der Party war.
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