• ALLTAGsein Was bisher geschah: Ende August ziehe ich in diese hübsche Zwei-Raum-Wohnung in einem der vielen Szeneviertel Berlins. Erstes Wochenende allein zu Haus, in freudiger Erwartung der Parties die da kommen, höre ich Bajofondo Tango Club. Halb eins schallen leise Bässe durch meine heiligen Hallen, bis es schellt. Etwas irritiert öffne ich: „Sag mal, kannste mal deine Scheiss-Bässe runter drehen?! Dit is ja nich zum Aushalten! Wenn dit nich sofort uffhört, ruf ick die Bullen!“ Ich, peinlich berührt, grad neu in der Gegend: „Oh, ja klar, kein Problem. ‘Tschuldigung.“

Wenige Tage später, ich höre Culcha Candela, abends um sieben, ein mal ganz laut „In da City“, einfach mal kurz alle die gute Laune hören lassen. Grad dreieinhalb Minuten läuft das Lied, da klingelt es. Ich drehe leiser, schleiche etwas schuldbewusst zur Tür: „Sach ma’, haste et immer noch nich’ verstanden?! Ick hab jesacht, du sollst die Bässe raus drehen!“ - Ich nicke, er stampft davon.

Eine Woche drauf, ich lese. Von oben hört man Flamenco-Gejaule, ausserdem poltert es, als würde jemand eben dies gerade tanzen lernen. Ich denke, na gut, mache leise Konkurrenz-Musik, bis mir die Lust vergeht. Jetzt höre ich irgendwelchen Ghetto-Rap. Hat er sich bestimmt von seinem kleinen Bruder geborgt, denke ich schadenfroh.

Dann ist es eine Weile ruhig. Irgendwann im September, es ist später Nachmittag, ich höre Damien Rice bei Zimmerlautstärke, etwas (jemand) poltert gegen die Decke. Ich höre keine Bässe, will aber keinen Stress provozieren, drehe leiser. Bei nächster Gelegenheit recherchiere ich im Internet, was in Sachen Lautstärke erlaubt ist. Leider schreiben die meisten aus seiner Sicht. Allerdings erfahre ich, dass es keine eindeutige Definition für „Zimmerlautstärke“ gibt. Und, dass selbige nicht bedeutet, dass kein Geräusch zum Mieter auf der anderen Seite der Wand (Decke, Boden) dringen darf. Die Einhaltung der Mittagsruhe ist im Übrigen freiwillig.

Ich besorge mir die Hausordnung. „Von besonderer Bedeutung ist die Einhaltung der ortsüblichen Ruhezeiten und die Rücksichtnahme auf kranke und solche Mitbewohner, die Schichtdienst versehen müssen. Die ortsüblichen Ruhezeiten, die in der Regel von 13 bis 15 Uhr und von 22 bis 7 Uhr gelten, sind in Ortssatzungen oder Lärmschutzverordnungen festgelegt. Nach 22 Uhr sind sämtliche Tonträger (Radio, Stereoanlage, Fernseher usw.) auf Zimmerlautstärke einzustellen. (…) An das Verhalten der einzelnen Mietparteien dürfen allerdings auch keine überspitzten Anforderungen gestellt werden. So wird sicherlich mancher Bewohner einmal ein Fest feiern wollen, bei dem es – besonders zu fortgeschrittener Zeit – etwas lauter werden kann. Die Nachbarn werden dafür Verständnis zeigen und auf Einhaltung der ortsüblichen Ruhezeiten nicht unbedingt bestehen, wenn ihnen rechtzeitig ein entsprechender Hinweis gegeben wird.“

So, so. Und was ist jetzt mit vor 22 Uhr?

Neue Woche, neues Glück. Carla Bruni darf auch mal. Die ist ja bekannt dafür, besonders bass-lastige Musik zu machen. Und tatsächlich poltert es wieder. Ich drehe leiser. Fünf Minuten später drehe ich wieder auf die ursprüngliche Lautstärke: nichts passiert. Den ganzen Tag bleibt es ruhig. Wieder ein paar Tage später habe ich Besuch. Mit einer Freundin höre ich die so eben neu erworbene CD von Joy Denalane, demonstriere ihr die Toleranzgrenze meines Mitmieters. Sie schüttelt verständnislos den Kopf: „Hast du denn schon mal geübt?“ Sie meint mein Saxophon, und ja, hab ich. Da hat er nichts gesagt. Kann er auch nicht, ich dürfte sogar wenn es in der Hausordnung untersagt wäre zwei Stunden täglich spielen.

In der Nacht werde ich wach. Kurz über meinem Kopf scheppert und poltert es, Flaschen fallen zu Boden, jemand schreit und flucht tobsuchtsanfallartig. Ich kriege Angst. Ich überlege, ob ich die Polizei rufen soll. Es ist nachts um zwei. Ich versuche, wieder ein zu schlafen. Halb vier werde ich wieder wach vom Gestampfe. Kurz darauf ist es ruhig, und bleibt es auch. Gott sei Dank.

Mein persönliches Highlight war ein Mittwoch, ich kam von der Uni. Erschöpft und schlecht gelaunt hörte ich eben nicht die Beatsteaks, sondern etwas möglichst trauriges von Heather Nova, und ganz bestimmt nicht laut. Jedenfalls klingelt es, ich völlig überrascht gehe zur Tür, mache auf und sehe ihn, und weiss, viel schlimmer konnte der Tag nicht werden. Bevor ich irgendetwas sagen kann, schreit er (als ob ich ihn nicht verstehen könnte, wo er doch unmittelbar vor mir steht): „Ick hab dir schon tausend mal jesacht du sollst die Scheiss-Bässe raus drehen. Man, du gehst mir langsam richtig uff’n Sack!“ Ich bin völlig perplex, kann nichts sagen. Er geht, ich stehe an der Tür und überlege, was tun. Versucht trotzig werfe ich die Tür zu. Und dann denke ich: „Ich wüsste nicht, dass wir schon beim Du wären, sie Arschloch.“

Meine Odyssee geht noch eine Weile so weiter. Es bleibt immer mal eine Weile ruhig. Zu beobachten lediglich: wenn ich nicht allein bin, stört meine Musik wohl auch nicht. Dachte ich. Jetzt haben wir wohl eine neue Etappe erreicht. Eines Abends, gegen 22 Uhr, mein Freund ist da. Wir hören Musik, er macht das Fenster auf zum Rauchen. Da wieder das freundliche Stampfen, und ein deftiges Fluchen über die Musik. Wir drehen leiser. Am nächsten Tag, gegen Mittag, wir haben gar keine Musik an. Es klingelt an der Tür, ich schlurfe hin. Zu meiner Erleichterung ein unbekanntes Gesicht. Der Mieter unter mir bittet völlig ohne zu fluchen um etwas Ruhe, er komme gerade vom Schichtdienst und wolle gern schlafen. Gern sichere ich ihm gedämpfte Schritte zu, schliesslich weiss ich nur allzu gut, wie das poltert von oben, wenn jemand ständig durch die Wohnung rennt. Letzten Sonntag dann wieder ein kleiner Höhepunkt nachbarschaftlicher Toleranzgrenzen. Es läuft Galaxy 500, nicht mal Zimmerlautstärke, und wieder wird gestampft. Man hört ein gedämpftes „… Scheiss-Musik…“. Ich drehe reflexartig die Musik leiser. Mein Freund schaut mich entgeistert an: „Hat der uns gemeint, jetzt? - Das kann doch gar nicht sein! Der hat bestimmt nur so gestampft.“ Ich verneine, ich kenne ihn ja nun schon. Obwohl kennen wohl zu viel gesagt wäre: Ich weiss nicht mal seinen Namen. Für eine kurze Vorstellung bleibt bei seinen Tiraden ja auch keine Zeit. Norman jedenfalls geht entgegen meiner Warnungen hoch und klingelt. Ich lausche angespannt: „Hallo. Sagen sie, haben sie uns damit gerade gemeint?“ fragt er sehr höflich, wie ich finde. Und dann geht es auch schon los: „Na sicher, ich hab schon tausend mal gesagt, sie sollen die Scheiss-Bässe runter drehen. Das ist ein hellhöriges Haus. Gewöhnen sie endlich dran!“ Und dann knallt er die Tür zu. Und wir verlassen die Wohnung.

 

Zukunftsmusik:

a) Wenn er das nächste mal kommt, warte ich schon auf ihn. Mit einem Küchenmesser in der Hand.

b) Ich fingiere einen ausserordentlich lauten Orgasmus. Mal sehen, was passiert.

c) Ich rufe einfach mal selbst die Polizei und strebe einen “unabhängigen Vergleich“ an.



4 Responses to “Nachbarschaftliche Dissonanzen”  

  1. 1 berghaus

    Variante b klingt am spannensten. Dreh doch da bitte mal die Scheiss-Bässe raus.

    Sonst klingt das ganze wie Albtraum, schöne Wohnwelt im Szenebezirk.

  2. 2 mm

    suuppper! fällt mir da nur in bezug auf norman ein.
    wie auch immer.
    mein vorschlag wäre dem herren zum nik’laus ein paar ohrstöpsel zu kaufen, nett zu verpacken und eine schöne, geschmackvolle karte beizulegen: “Wir bitten um Entschuldigung für unseren jugendlichen Übermut. Eine besinnliche, vorweihnachtliche Zeit wünschen wir Ihnen.”
    wenn es danach immer noch nicht besser wird, dann haltet den jungen warm - ab 18. bin isch in berlin und dann klingel ick och ma…

  3. 3 wahlberlinerin

    Das find ich gut. Bis 6. Is ja noch ein bisschen Zeit, da kann ich ja ne hübsche kleine Karte schreiben.
    Du bist in Berlin???? Ab 18. was? Dezember? Juchuuuuuu!!!!

  4. 4 Patrice

    Hi du,
    kann dich nur zu gut verstehen. Hab mich auch von dem Raumgefühl einer schönen Berliner Gründerzeit Altbau blenden lassen. Ohne an die mögliche Hellhörigkeit zu denken.

    Musik kann ich im Prinzip nur noch mit Kopfhörern hören, denn meinen Downbase Subwoofer Satelliten System kann ich im Prinzip überhaupt nicht mehr benutzen, dank hohler Böden. Da würde die Omma, die unter mir wohnt, wohl nen Herzinfarkt bekommen.

    Ausserdem geht es mir selbst auch auf den Keks, zu hören wenn mein Nachbar zum Früstück in sein Knäckebrot beisst ;o) Und Benjamin Blümchen der über mir wohnt, tut das seinige zu meinen dauernden Kopfschmerzen.

    Ich fürchte da hilft nur eins, ausziehen.
    Und ein ist für mich klar, die nächste Wohnung wird ein Neubau mit 10cm dicken Betonwänden !!!

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